Klaus Pietschmann, Robert von Zahn (Hg.) in Verbindung mit Wolfram Ferber und Norbert Jers

Musikwissenschaft im Rheinland um 1930


Kongressbericht Köln 2007

Reihen: Beiträge zur Rheinischen Musikgeschichte Band 171
Artikelnr.: EM 1271
ISBN: 978-3-87537-327-1
ISMN: 979-0-2007-1251-3

Preis: 59,00 €

(Preis inkl. Mehrwertsteuer zzgl. Versandkosten)


Band 171

Musikwissenschaft im Rheinland um 1930. Kongressbericht Köln 2007

Herausgegeben von Klaus Pietschmann und Robert von Zahn in Verbindung mit Wolfram Ferber und Norbert Jers

418 Seiten, zahlreiche Abbildungen


Anlässlich des 75-jährigen Jubiläums ihrer Gründung im Jahr 1933 nahm die Arbeitsgemeinschaft für rheinische Musikgeschichte dieses beklemmende Gründungsdatum zum Anlass, sich in einer Tagung kritisch mit den Rahmenbedingungen ihrer Entstehung auseinanderzusetzen. Die Beiträge des Bandes richten den Blick vor allem auf „Personen und ihr Tun unter den Rahmenbedingungen einer sich verändernden Gesellschaft“, lässt aber auch den Blick auf den Rahmen nicht fehlen. So entsteht eine deutliche Warnung vor jeglicher Tendenz der Wissenschaft, „bewusst und aktiv Anschluss an politische Systeme, Ideologien und vorgegebene Denkmuster zu suchen“


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Rezension:

„Die Autoren befassen sich mit einem weiten Spektrum an konkreten Einzelthemen: Fabian Kolb untersucht beispielsweise das musikalische Netzwerk in Köln nach 1900, das durch die Gründung des Musikhistorischen Museums des Papierindustriellen Wilhelm Heyer entstand.

Andere Beiträge wie der von Christian Thomas Leitmeir zeigen, warum der Musikhistoriker Theodor Kroyer, erster Ordinarius für Musikwissenschaft in Köln, um 1933 in Konflikte geriet, als er die fachlichen Qualitätsstandards sichern wollte, die von anderen Musikhistorikern wie Ernst Bücken unterlaufen wurden. Bücken, der sich als Gründervater der Kölner Musikwissenschaft sah, wird von Thomas Synofzik als ein Musikwissenschaftler porträtiert, der nach Möglichkeiten suchte, seine wissenschaftliche Praxis mit nationalsozialistischen Inhalten zu verknüpfen bzw. nationalsozialistische Konzepte durch Einsichten in die Musikgeschichte zu legitimieren. Nicht nur Bücken, sondern – wie Christine Siegert zeigt – auch Ludwig Schiedermair (seit 1920 Ordinarius in Bonn und ab 1937 Präsident der DGM) bemühte sich mit Hilfe von inhaltlichen Umformulierungen seiner musikhistorischen Texte darum, die Musikgeschichte als Teil des politischen Wandels erscheinen zu lassen.

Der Band wird ergänzt durch biografische Fallstudien zu den Karrieren in der nationalsozialistischen Kulturpolitik von dem Düsseldorfer Musiktheoretiker Werner Karthaus (Yvonne Wasserloos) und von Adolf Raskin (Birgit Bernard), der unter Joseph Goebbels zum Leiter des Auslandsrundfunks wurde, oder zu der Karriere von Else Thalheimer-Leweroff (Klaus Wolfgang Niemöller), einer jüdischen Musikwissenschaftlerin, die eine der maßgeblichen Figuren in der Kölner Gesellschaft für Neue Musik war.

Schließlich enthält der Band Einzeluntersuchungen zu den Italienbeziehungen der Kölner Musikwissenschaft schon vor der Institutionalisierung in den 1950er Jahren (Martina Grempler) und der Geschichte der Rheinischen Musik- und Theaterzeitung, die seit 1900 dazu beitrug, ideologische Positionen vorzubereiten, „die von den Nationalsozialisten genutzt werden konnten“ (Inga Mai Groote, S. 315).

Über diese konkreten Fallstudien gehen die Beiträge von Volker Kalisch und Norbert Jers hinaus, die sich mit dem Diskurs über Definitionen von Wissenschaft und Musik im Nationalsozialismus befassen: Kalisch zeigt anhand einer kritischen Kommentierung einschlägiger Konzeptentwürfe von Musikwissenschaftlern, wie diese dazu beitrugen, das Wissenschaftsverständnis neu zu definieren, in dem wissenschaftliche Techniken wie der Beweis, die Kritik oder die Reflexion gegen Begriffe wie Gefühl, Überzeugung oder Gesinnung ausgetauscht wurden. Jers wiederum untersucht zentrale Texte von Musikwissenschaftlern aus dem Rheinland und fasst die Versuche zusammen, eine „deutsche Musik“ zu definieren. Die „deutsche Musik“ diente, so Jers, als ein „Funktionsbegriff“, aber nicht als „Substanzbegriff“ (S. 392), da es nicht gelang, eine positive Bestimmung dessen zu unternehmen, was die „deutsche Musik“ enthielt.


Der Band stellt eine Fülle an neuen Erkenntnissen im Detail dar und belegt eindrucksvoll den Reichtum lokalhistorischer Quellen für diese Thematik.“ Hansjakob Ziemer, in: Die Musikforschung, 66. Jahrgang 2013, Heft 3