Pietschmann, Klaus (Hg.)

Das Erzbistum Köln in der Musikgeschichte des 15. und 16. Jhdts


Kongressbericht Köln 2005

Reihen: Beiträge zur Rheinischen Musikgeschichte Band 172
Artikelnr.: EM 1272
ISBN: 978-3-87537-321-9

Preis: 55,00 €

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Band 172

Das Erzbistum Köln in der Musikgeschichte des 15. und 16. Jahrhunderts. Kongressbericht Köln 2005. Herausgegeben von Klaus Pietschmann, 402 Seiten, zahlreiche Faksimiles, Notenbeispiele, Abbildungen und Tabellen

'Dem Band ist auch außerhalb der methodischen Musikwissenschaft eine breite Rezeption zu wünschen.' Geschichte in Köln, 58, 2011


 

Der vorliegende Band ist die erste umfassende Darstellung zur Musikgeschichte Kölns an der Schwelle zur frühen Neuzeit. Während Stefan Lochner oder Hermann von Weinsberg als Exponenten der kulturellen Blüte der Stadt im 15. und 16. Jahrhundert im  historischen Bewusstsein fest verankert sind, sind beispielsweise die hochstehende Musikpflege am Dom oder der Hardenrathkapelle, die Musik bei den zahlreichen politischen Aufzügen, der Musikdruck oder die Gesangspraxis der Devotio moderna bislang kaum bekannt und auch nur sehr punktuell untersucht worden.

Der Band dokumentiert die Beiträge zu einer Tagung der Arbeitsgemeinschaft für rheinische Musikgeschichte im Jahre 2005, an der international führende Vertreter der musikwissenschaftlichen Renaissance-Forschung sich mit diesen und weiteren Themen auseinander setzten. Neben der Stadt Köln widmen sich einzelne Beiträge auch anderen Zentren der Kirchenprovinz wie Aachen oder Lüttich und verorten die Kölner Situation in einem größeren Kontext. 402 Seiten mit zahlreichen Faksimiles, Notenbeispielen, Abbildungen und Tabellen.

 

Rezension aus: Die Musikforschung. 64. Jahrgang 2011. Heft 2. April-Juni. S. 176-178.

Fünfzehn Beiträge zur Musikgeschichte des Erzbistums Köln in der Renaissancezeit vereinigt der vorliegende Band. Den Leser erwartet somit ein breit gefächertes Spektrum an Texten, das sich von der handbuchartigen Gesamtdarstellung bis hin zu Spezialstudien über einzelne, eng gesteckte Bereiche erstreckt.
Klaus Wolfgang Niemöllers Beitrag, „Kölner Musikgeschichte zwischen Mittelalter und Renaissance', ist eine brillante, auch die Sekundärliteratur umfassend aufarbeitende, reich mit Faksimiles und Quelleneditionen ausgestattete Übersicht, die wesentliche Charakteristika aufzeigt: So beschreibt er als grundlegend die Konfrontation von neueren Entwicklungen aus dem Reich oder auch den angrenzenden Niederlanden einerseits mit einem durch kirchliche und innerstädtische Gegebenheiten bedingten Verharren in älteren Vorstellungen andererseits. Kurz abgehandelt wird von ihm selbstverständlich auch die für Köln musikgeschichtlich zentrale Schule der Musiktheorie (mit einer nützlichen Auflistung der Theoretiker, ihrer Texte, ihrer Zugehörigkeit zu den Bursen sowie ihrem universitären Werdegang von der Immatrikulation bis zur Professur), der Inga Mai Groote eine eigene Darstellung widmet („Die Kölner Musiktheoretiker — ein humanistisches Netzwerk?'). Auch wird das große Gewicht der Instrumentalmusik deutlich.
Für die Vokalpolyphonie hingegen kann Köln nicht als Zentrum gelten, wie Klaus Pietschmann im Vorwort anmerkt. Laurenz Lütteken („Politische Zentren als musikalische Peripherie?') versucht eine Erklärung für die Tatsache, dass Köln für den Norden des Reichs politisch, wirtschaftlich und intellektuell zentrale Bedeutung hatte, dass aber (nicht nur hier, sondern im gesamten nordwestdeutschen Raum) eine „angemessene Musikkultur im Sinne einer Hinwendung zur komponierten Mehrstimmigkeit zumindest vor dem späteren 16. Jahrhundert' nicht feststellbar ist. Er sieht die weit in den klerikalen Bereich hineinwirkende städtische Musikpraxis mit ihrer starken Gewichtung der Instrumentalmusik „als willentliches Gegenmodell zu einer im weitesten Sinne klerikal organisierten Mehrstimmigkeitskultur', das sich nur unter dem Blickwinkel einer auf die schriftlich kodifizierte Vokalpolyphonie ausgerichteten Musikgeschichtsbetrachtung als peripher sehen lässt.
Eine „Ausnahme von der Regel' (Lütteken, S. 71) stellt vor diesem Hintergrund die Stiftung Johann Hardenraths dar, zu der Klaus Pietschmann eine Studie beiträgt („Musikalische Institutionalisierung im Köln des 15. und 16. Jahrhunderts. Das Beispiel der Hardenrath Kapelle'). Komponierte, speziell geistliche mehrstimmige Musik (täglich eine Messe und marianische Antiphon, also wohl eine Salve-Andacht) ist, einem Musikalieninventar von 1612 nach zu schließen, wohl schon um 1500 anzunehmen; in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts sind Komponisten wie Lasso, Clemens non Papa und Crecquillon nachweisbar. Die Hardenrath-Stiftung deutet zusammen mit weiteren Indizien darauf hin, dass in Köln ungeachtet der insgesamt anders ausgerichteten musikalischen Vorlieben Bestrebungen im Gange waren, eine „kunstvolle musikalische Gestaltung von Gottesdiensten zu institutionalisieren'. Um den Umfang einer Rezension nicht zu sprengen, sei im Folgenden nur angezeigt, was der Band außerdem bietet: Dem Notendruck widmen sich Andrea Lindmayr-Brandl („Früher Notendruck in Köln'), Nicole Schwindt („Das Liederbuch des Amt von Aich im Kontext der frühen Lieddrucke') und Jürgen Heidrich („Reformatorisches ,Strohfeuer' im Rheinland. Das Bönnische Gesangbuch von 1544'). Köln, als Buchdruckerstadt bedeutend, spielt für den Notendruck eine untergeordnete Rolle (Lindmayr-Brandl) ; das Bönnische Gesangbuch indes wurde reich rezipiert, konfessionsbedingt allerdings außerhalb Kölns (Heidrich). Franz Körndle beschäftigt sich mit der „Musikpflege bei den Kölner Bruderschaften im Vergleich zu anderen Städten'; ein guter Teil der Kirchenmusik ist demnach extern, das heißt außerhalb der Amtskirche gepflegt worden. „Weibliche Kulturräume — ‚weibliche Spiritualität'? Das Liedgut der Devotio moderna und das Liederbuch der Anna von Köln' überschreibt Linda Maria Koldau ihren Beitrag über eine 82 Lieder umfassende Quelle wohl um 1500, die „einen Querschnitt durch das geistliche und — in kontrafazierter Form — weltliche Liedgut des 15. Jahrhunderts' (S. 182) bietet. Mit dem einfachen mehrstimmigen Liedgut der Devotio moderna, einer aus den Niederlanden stammenden, auch im Westen des Reichs verbreiteten Reformbewegung, beschäftigt sich Ulrike Hascher-Burger („,Simple polyphony' im späten Mittelalter'), wobei sie präzise unterschiedliche Satztypen unterscheidet, um so „eine wesentlich differenziertere Sicht auf die einfache Mehrstimmigkeit und ihre jeweils spezifische kulturelle Einbettung' (S. 211) zu gewinnen. Im ähnlichem Umfeld bewegt sich Thomas Schmidt-Beste („Psallite noe! Christmas Carols, the Devotio Moderna and the Renaissance Motet'): Zahlreiche Weihnachtsmotetten basieren auf einfachen, auch in der Devotio moderna verbreiteten Liedern. Wieder unmittelbar der Musikgeschichte Kölns widmet sich Christian Thomas Leitmeir („Musikpflege am Kölner Dom und dem erzbischöflichen Hof im 15. und 16. Jahrhundert. Eine Spurensuche'); ähnlich wie Pietschmann kann auch er anhand von bisher nicht gesichteten Archivmaterialien zeigen, dass Mehrstimmigkeit in Köln durchaus anzutreffen ist (im Dom spätestens seit 1454). Die Beiträge von Emilie Corswarem, Katelijne Schiltz und Philippe Vendrix („Der Lütticher Fürstbischof Ernst von Bayern als Musik-Mäzen [1580-1612]') sowie von Eric Rice („Aachen als musikgeschichtliches Zentrum innerhalb des Kölner Erzbistums') gehen über Köln hinaus exemplarisch auf die Situation in ausgewählten Orten der Kirchenprovinz ein. Richard Sherr („A Tale of Benefices. Papal Singers and the Archdiocese of Cologne in the First Decade of the 16th Century') schließlich schlägt eine Brücke von Rom nach Köln: Er be- richtet von römischen Kapellsängern und ihren Interessen an Kölner Pfründen. Nicht zuletzt in der inhaltlich wie methodisch breiten Anlage zeigt sich die Qualität des reich mit Abbildungen und Quellenmaterial illustrierten, sorgfältig redigierten Bandes: Die durchgängig vorzüglichen Texte bieten einerseits die Chance, sich einen Überblick über die Musikgeschichte Kölns im 15. und 16. Jahrhundert zu verschaffen, für deren Besonderheiten zudem ein überzeugender Erklärungsversuch geliefert wird. Andererseits vermitteln die speziellen Gegenständen gewidmeten Beiträge detaillierte Erkenntnisse zu genau umgrenzten Fragestellungen.

(Dezember 2010) Bernhold Schmid

'Die durchgängig vorzüglichen Texte bieten einerseits die Chance, sich einen Überblick über die Musikgeschichte Kölns im 15. und 16. Jahrhundert zu verschaffen, für deren Besonderheiten zudem ein überzeugender Erklärungsversuch geliefert wird. Andererseits vermitteln die speziellen Gegenständen gewidmeten Beiträge detaillierte Erkenntnisse zu genau umgrenzten Fragestellungen.' Die Musikforschung.Heft 2/2011